Gesundheitskarte: zu langsam, zu kompliziert, zu teuer

Am 1. Oktober 2009 soll die elektronische Gesundheitskarte eingeführt werden, immerhin schon mit drei Jahren Verspätung. Es ist das wohl ehrgeizigste IT-Projekt der Bundesregierung. Doch ein jetzt abgeschlossener zweijähriger Test der Karte mit 10.000 Patienten in der Modellregion Bochum-Essen förderte gravierende Mängel bei der technischen Anwendung zutage. Das berichtet das ARD-Magazin “Monitor”.


Demnach beklagen etwa die teilnehmenden Ärzte, dass das elektronische Rezept doppelt so viel Zeit wie das handschriftliche Ausstellen benötige. Auch die digitale Kommunikation zwischen den Ärzten stehe nicht zur Verfügung. Die Eintragung von Notfalldaten sei zu kompliziert und zeitaufwändig. Die Ministerin bleibt ungeachtet dessen bei der geplanten Einführung am 1. Oktober. Die Entwicklungsfirma der Gesundheitskarte geht laut “Monitor” dagegen im Worst-Case-Szenario von einer vollständigen Funktionsfähigkeit erst in acht bis zehn Jahren aus.

Regierungsberater fordert Moratorium

Scharfe Kritik an der geplanten Einführung der elektronischen Gesundheitskarte hat unterdessen der Regierungsberater Prof. Jürgen Wasem geübt. Gegenüber “Monitor” erklärte er, die Karte werde “primär aus politischen Gründen” an den Start gehen: “Ökonomisch wird sie ein Minusgeschäft sein, das letztlich die Versicherten zahlen”, so Wasem, der einer der wichtigsten Berater von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) ist. Wasem ist Vorsitzender des Bewertungsausschusses für ärztliche Leistungen und des “Wissenschaftlichen Beirats” zum Risikostrukturausgleich. Da die Karte nicht alle Leistungen erbringe, solle auf den geplanten Start zunächst verzichtet werden, so Wasem.

Drohende Kostenexplosion

Kritiker verweisen überdies auf eine drohende Kostenexplosion. So kalkuliert das Bundesgesundheitsministerium nach wie vor mit Kosten von 1,4 Milliarden Euro. Eine von der Entwicklungsfirma Gematik in Auftrag gegebene Studie der Beratungsfirma Booz Allen Hamilton prognostiziert laut “Monitor” allerdings Kosten von 2,8 Milliarden bei einer fünfjährigen Einführungsphase, im Worst-Case-Szenario sogar von 14,1 Milliarden.

Mehr Informationen und der Mitschnitt aus der Sendung vom 2. Juli 2009 bei “Monitor”: Elektronische Gesundheitskarte: Halbfertig, dafür doppelt so teuer?.

Quelle: ARD/Monitor
(ENDE) versicherungspuls/03.07.2009/mar